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Studiengang - hin- und hergerissen!

Veröffentlicht in: Forum > Schüler & Studienwahl

Hallo allerseits,

ich schreibe euch an, weil ich wie so viele Hilfe brauche, um mich zu orientieren. Ich bin mittlerweile so verzweifelt, dass ich dachte, ich versuche es auch mal in einem öffentlichen Forum.

Also, erstmal zu mir, ich bin 20 Jahre alt und mit 19 Jahren für ein Jahr nach Indien gegangen, direkt nachdem ich mein Abitur mit 1,6 in Hessen gemacht habe. Meine Leistungskurse waren Deutsch & Französisch, ich interessiere mich für Sprachen, Kulturen, Internationales, ich analysiere gerne und bin gerne Organisatorin, versuche größere Zusammenhänge zu verstehen, bin interessiert an Entwicklungsarbeit, möchte also definitiv irgendwie mit Menschen zu tun haben und nicht mit reinem wissenschaftlichen Arbeiten. Sämtliche Naturwissenschaften waren bei mir nie von Interesse, auch wenn ich nicht sonderlich schlecht in ihnen war, es hat mich einfach nicht gereizt. Ich bin auch Vegetarierin und habe vorher hauptsächlich bei Greenpeace, gelegentlich auch bei attac und amnesty mitgearbeitet und Projekte mitgestaltet.

Nach Indien bin ich gegangen, um im Eigenversuch zu verstehen, was Kultur bedeutet, was es heißt, sich integrieren zu müssen oder Ausländerin zu sein, um die Zustände der Menschen hier wirklich verstehen zu können. Hier arbeite ich in einer 8-Millionen-Menschen Stadt in einem Slum mit Straßenkindern, was mir auch sehr Spaß macht, trotz der vielen Belastungen.

Mit Kindern arbeite ich gerne, kann mir das aber nicht als berufliche Zukunft vorstellen, ich möchte auf gar keinen Fall einen Lehrberuf einnehmen, ebenso habe ich sämtliche Naturwissenschaften ausgeschlossen und obwohl es ein großes Hobby von mir ist, auch die Literatur und Künste. Ich möchte damit später nicht arbeiten, auch wenn ich es in meiner Freizeit gerne mache.

Ich brauche vorallem eine Arbeit, die mich fordert und meinen Kopf beschäftigt, ich plane und organisiere wie gesagt sehr gerne, auch wenn ich damit Menschen nur indirekt helfe, ich muss also nicht direkt beteiligt sein...
ich bin sämtliche Ausbildungsberufe durchgegangen und etliche Studiengänge, ohne etwas gefunden zu haben, wo ich hundertprozentig Ja zu sagen könnte.

Meine Ideen bisher waren: Jura, Soziologie, andere sozialwissenschaftl. Fächer in Kombination, evtl. Ethnologie.

Politikwissenschaften und BWL/VWL habe ich auch ausgeschlossen... Wirtschaft ist zwar leider wichtig, aber nicht von sonderlichem Interesse für mich. Mir sind soziale Faktoren wichtiger, auch Politik ist nicht so mein Fokus. Ich halte mich lieber an überparteiliches und unabhängiges und will auch nicht irgendwann in der Politk sein, auch wenn man natürlich informiert sein sollte.

An Jura halte ich mich momentan am meisten fest - vielleicht so sehr, dass mir deshalb keine Alternativen mehr gefallen.
Ich weiß, das ist ein klassisches Verlegenheitsfach, aber ich habe mich über Jura schon am längsten und am meisten informiert. Ich habe das Buch "Jura studieren- für Schüler und Studienanfänger" gelesen, was ich sehr hilfreich fand und was mich in meiner Idee bestärkt hat.

Hier in Indien, wo Korruption, Bestechung und Machtlosigkeit der ärmeren Bevölkerung ein massives Problem des Rechtssystems sind, ist mir bewusst geworden, dass Jura auch Friedensarbeit bedeutet und dass wir diese Gesetze brauchen, so sehr wir in Deutschland auch über die Straßenverkehrsordnung fluchen... wir können froh sein, dass wir sie haben. Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wieviele Unfälle ich hier beobachten konnte, weil es das hier nicht wirklich gibt oder wieviele Leute aus dem Slum Unterdrückung ertragen müssen, weil kein Mensch ihren Fall annehmen würde, obwohl sie die Rechte auf dem Papier haben.
Aber ob ich deshalb auch gleich das Studium der Rechte mag, ist natürlich was ganz anderes.

Ich arbeite zudem gerne mit Sprache und Texten, verstehe Texte und Zusammenhänge recht flott und interessiere mich für die Materie. Naja, sagen wir es mal so, das Immobilienrecht interessiert mich überhaupt nicht, aber internationales Recht und humanitäres Völkerrecht dagegen schon.
Ich kann mir denken, dass Jura hauptsächlich aus diesen langweiligen Teilen des Rechts besteht, sehr zäh sein kann, viel Fleiß erfordert und vermutlich irgendwann frustrierend für mich werden könnte... ganz zu schweigen von dem bösen Kommolitonen-Klischee.

Zudem möchte ich eigentlich nicht (auch wenn sich das während des Studiums evlt. ändern könnte) Anwältin oder Richterin werden... ich könnte mir eigentlich am ehesten vorstellen, die Rechtsberatung einer international ausgerichteten Organisation zu übernehmen. Eine Weile lang habe ich auch mit dem exotischen Medizinrecht geliebäugelt, aber ich glaube, das ist zu anspruchsvoll für mich und zudem kann ich mir nicht vorstellen, was man später damit macht. Ebenso den Schwerpunkt "Kulturrecht", den es in Mainz gibt... was soll das sein?

Ansonsten wurde mir gesagt, dass man mit Jura am Ende fast überall landen kann. ZB. ist der Leiter des Goethe-Instituts in Delhi ein ausgebildeter Rechtshistoriker und macht nun etwas ganz anderes.
Die Option, mich noch nicht festlegen zu müssen, finde ich eigentlich ganz gut.
Ein bisschen reizt mich auch der Anspruch des Studiengangs, das pedantische Knobeln... aber ich weiß wirklich nicht, ob meine Vorstellungen da korrekt sind und hinterher bin ich eine typische Jura-Abbrecherin ;-)
Hab schon so viele enttäuschte postings im Internet gesehen, von Leuten, mit ähnlichen Motiven wie ich.

Die sozialw. Fächer hatte ich zwar in Erwägung gezogen, aber habe keine klare Vorstellung von diesen Fächern, das klingt alles so furchtbar schwammig.
Was mache ich denn mit einem BA in Social Sciences? Bin da etwas ratlos, wie meine Qualifikationen dann sind und was ich damit konkret machen kann. Ich erlebe das zumindest hier viel, dass man in NGOs selten irgendwelche Ethnologen oder Soziologen braucht, sondern Leute mit BWL-knowhow, Juristen, ärztliches Fachwissen.

Was genau ich später mal machen will, ist wie gesagt auch ein Rätsel und ergibt sich hoffentlich irgendwann im Studium. Ich interessiere mich zwar für Entwicklungsarbeit, aber eben weniger für den praktischen, als den theoretischen, organisatorischen Teil, für den ich nicht zwangsweise in die betroffenen Länder gehen muss. Ich arbeite gerne auch im Hintergrund als Fadenzieherin.
Fest steht für mich, dass ich vorerst nicht im Ausland leben und arbeiten möchte, allerdings gerne ein Auslandssemester, vorzugsweise in England, machen würde.

Sollte ich mich für Jura entscheiden, würde ich die FFA in Englisch machen und versuchen, so international wie möglich und wenn möglich Schwerpunkt Völkerrecht zu studieren... oder wäre Internationales, europäisches Recht für meine Zwecke sinnvoller? Hatte die EU als Arbeitgeber eigentlich ausgeschlossen.

Und genau das ist das Problem... ich habe das schon alles so im Kopf, dass ich von Jura nicht mehr wegkomme.
Aber am Ende ist meine Vorstellung davon völlig illusionär??

Leider behaupten auch viele meiner Familie und Bekannten, sie hielten Jura unpassend für mich... vermutlich wegen der vielen Vorurteile, die die meisten von Jura haben (Juristen seien autoriätsfanatisch, Auswendiglernen, trocken und so weiter). Zudem bin ich wohl zugegeben alles andere als autoritätshörig und die meisten meiner Freunde beschreiben mich eher als kreativ und unkonventionell. Gleichzeitig halte ich mich selbst eigentlich für sehr diszipliniert, zumindest wenn ich die richtige Motivation dahinter habe und ein Ziel vor Augen.

Ich könnte mich mir selbst durchaus in einem "Papier-Job" vorstellen, allerdings nicht beim bloßen Durchreichen von irgendwelchen Anträgen in irgendeinem Landesgericht.... bloß nicht. Eher in einem Job, wo ich selber Sachen regeln kann, Texte verfassen muss, wo ich auch was zu denken habe.

Wahrscheinlich stelle ich dann hinterher doch fest, dass mir das alles zu langweilig ist... Mensch, ich habe das Gefühl, nach den Tagen, die ich mich durch Bücher und das Internet gewälzt habe, gibt es einfach keinen Beruf und keinen Studiengang für mich.

Übrigens, was noch für Jura spricht, ist die Tatsache, dass ich es im SS anfangen kann. Ist das empfehlenswert oder bringt das Umstände mit sich?

Da ich erst irgendwann im Juli zurückkomme und noch unentschlossen bin, kann ich mich jetzt auch schlecht auf irgendetwas bewerben, zudem plane ich noch ein Rückkehrprojekt in Deutschland, in dem ich in Schulen Projekttage zum Thema Kulturverständnis machen möchte, dafür brauche ich noch etwas Zeit. Wenn ich also doch nicht Jura machen will, heißt das für mich am Ende, dass ich noch ein komplettes Jahr irgendwie hinter mich bringen muss, in dem ich dann noch nicht studieren kann... es seidenn ich entscheide mich jetzt spontan für etwas und bewerbe mich von hier aus.
Ich hätte ja auch eigentlich kein Problem, mit noch einem Jahr "Pause", ich kann mich schon sinnvoll beschäftigen, nur habe ich wirklich Lust aufs Studieren.

Irgendwie stecke ich fest. Ich bin orientierungslos, weil ich einfach nicht weiß, was ich will.
Wie kann ich endlich eine Entscheidung finden oder ein realistisches Bild von all diesen Studiengängen?
Ich werde, sobald ich zurück bin, natürlich auch in einige Vorlesungen gehen, aber bis dahin müsste ich mich ja eigentlich schon für dieses WS beworben haben...

Ich hoffe jemand nimmt sich die Zeit für mein seitenlanges Gegrübel :-)

Liebe Grüße aus Indien

14.05.2011 11:04


Hi,

also deine Interessen sind ja wirklich weit gefächert, aber dass ist ganz gut. Ich habe european studies studiert und habe dann nach meinem studium in einer NGO gearbeitet, die sich für die aufklärung von Korruption in Nigeria eingesetzt hat. Ich habe dadurch ein Jahr in NIgeria gearbeitet- es war sehr interessant. Was ich sagen möchten: Mit Kulturwissenschafften kannst du eigentlich alles machen, was so in deine Richtung geht.

25.05.2011 10:19


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